Sehr geehrte Redaktion,

In einem Beitrag ĂĽber die Frankfurter Kontaktbörse [Nachr. Chem. 2001, 49, 69] macht Wolfgang Petry von Schering klar, dass Schering nur die besten 5% der promovierten Chemiker einstellt.  Katharine Reinisch, ebenfalls von Schering, gibt bekannt, dass man Rekrutierungskampagnen im Ausland starte. Mir ist beim Lesen dieses Artikels nach langer Zeit mal wieder so richtig der Hut hochgegangen. FĂĽr eine akademische Karriere muss man wohl auch zu den besten 5% der Hochschulabsolventen zählen. Ich frage mich, was ist eigentlich der Plan fĂĽr die ĂĽbrigen 95% der promovierten Chemiker in Deutschland? Ich glaube nicht, dass Hochschulabsolventen, die "nur" eine zwei im Diplom haben, dumm oder faul sind und fĂĽr den Arbeitsmarkt nicht zu gebrauchen. Wenn das der Fall wäre, wäre es ein Armutszeugnis fĂĽr das deutsche Hochschulsystem.

Ich selbst habe im Jahr 1993 promoviert, welches wohl eines der schlimmsten war für arbeitssuchende Chemiker. In dem Jahr haben von ca. 2000 Hochschulabgängern weniger als 300 eine Stelle gefunden. Die grossen Chemiefirmen haben damals fast überhaupt nicht eingestellt. Viele meiner Kollegen haben umgesattelt oder sind wie ich ins Ausland gegangen. Ich habe seither in USA, in Kanada und der Türkei gelebt und an Universitäten gearbeitet, anfangs als Postdoc, inzwischen als Professor. Ich bin mir sicher, dass die Ausbildung in Chemie in Deutschland eine der härtesten und zeitaufwendigsten und wahrscheinlich auch eine der besten ist. Der grösste Mangel ist, dass man in Deutschland während des gesamten Studiums bis zum Diplom kaum Kontakt zu den Professoren hat und es keinerlei Gelegenheit gibt, an Forschungsprojekten mitzuwirken und die Benutzung der modernen Geräte zu erlernen. Andererseits ist die Ausbildung breit und das verlangte Wissen enorm. Eine mittelmässige Diplomnote kann man sich durchaus einhandeln, indem man irgendeines der grosstechnischen Verfahren nicht auswendig weiss oder eine Kristallstruktur nicht zeichnen kann. Nach meiner Erfahrung wurde in den Prüfungen kaum jemals bewertet, was man wusste, sondern immer nur das, was man nicht wusste. Leider weiss ich immer noch nicht alles und es wird mir wohl auch nie gelingen. Ich habe keine Universität im Ausland gesehen, die von ihren Chemiestudenten verlangt, sämtliche wichtigen grosstechnischen Prozesse mit Gleichungen auswendig zu kennen und Kristallstrukturen von wer weiss wie vielen Verbindungen zu wissen. Unser Fragenkatalog war schier unendlich und da passiert es schon, dass man an irgendeiner simplen Frage scheitert - auch wenn man sich gut vorbereitet hat. Während wir im

ersten Studienjahr jeden Nachmittag im Labor verbrachten, machen Studenten im Ausland ungefähr 20 Versuche (20 Nachmittage). Ich bin mir sicher, dass deutsche Studenten mehr wissen müssen um eine “eins” zu kriegen als ausländische. Deshalb finde ich es eine unglaubliche Arroganz und Unverschämtheit der Industrie gegenüber deutschen Hochschulabsolventen , 95% mit einem Fusstritt auf die Strasse zu befördern und ausländische Studenten vorzuziehen. Ich bitte dies nicht als Ausländerfeindlichkeit misszuverstehen. Ich selbst verdanke es dem Ausland, dass ich als Chemikerin arbeiten kann. In Deutschland hätte ich den Steuerzahler nach Finanzierung meines Studiums auch noch Umschulung und Arbeitslosengeld gekostet.

Was ist los mit Deutschland? Wie ist möglich, dass man hunderte von intelligenten gut ausgebildeten jungen Akademikern gehen lässt? Ich hatte gehofft, dass sich die Situation inzwischen gebessert hätte, aber es scheint alles beim Alten zu sein. Jemand mit einer durchschnittlichen Diplomnote ist vielleicht schlechter sein im Auswendiglernen oder kann schlechter dem Druck einer mĂĽndlichen PrĂĽfung standhalten. So jemand kann durchaus wesentlicher kreativer sein als der “Musterstudent” und ist vielleicht der bessere Wissenschaftler. Hat man das in der Industrie noch nicht kapiert? Was soll das Getue mit dem Alter?

Warum muss man unter 30 sein, um eine Anstellung zu bekommen? In USA darf man im Einstellungsgespräch nicht einmal nach dem Alter gefragt werden. In England kann man mit 24 promovieren. Glaubt tatsächlich irgendjemand, dass ein 24-Jähriger, der im Schnellverfahren durch die Uni geschleust wurde, das gleiche Wissen haben kann? Wenn das geringere Wissen nichts ausmacht, warum ist dann eine durchschnittliche Note, die vielleicht auf etwas weniger Wissen beruht ein Problem? Warum mĂĽssen deutsche Hochschulabgänger sich so eine Behandlung gefallen lassen?  Ich kann durchschnittlichen Bummelstudenten mit Familie wie mir nur raten ins Ausland zu gehen. Schade, dass Deutschland seine jungen Akademiker nicht brauchen kann und lieber schlechter ausgebildete Ausländer importiert.

Ulrike Salzner

 

 

Dr. Ulrike Salzner   e-mail:salzner@fen.bilkent.edu.tr
Associate Professor  Tel.: 90-312-290-2122
Department of Chemistry  Fax.: 90-312-266-5097
Bilkent University
06533 Bilkent, Ankara,Turkey

 

 

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